Es ein nassgrauer Februar-Abend und Curse hat in der Georg-Elser-Halle in Hamburg das größte Solo-Konzert seiner Karriere angekündigt. 30 Jahre nachdem er das Rap-Game mit seinem Demo ‘Alles real’ nachhaltig verändert hat, wie es zumindest die Stieber Twins jüngst in einem Interview rekapituliert haben, will er uns beweisen, dass sein Sommer tatsächlich unzerstörbar ist.
5 Monate ist es her, dass Michael ‘Curse' Kurth seine neue Scheibe ‘Unzerstörbarer
Sommer’ veröffentlicht hat. 6½ Jahre kein Album und dann Release an seinem 46.
Geburtstag. Ich selbst verbrachte das Wochenende auf der ‘Rock the Block’ Jam’ mit
Rappern, DJs, Breakern und über 40 Graffiti-Writern, die eine HipHop Party der alten Schule veranstalteten. Ob es eine bessere Situation für einen Albumrelease geben kann, ist mehr als fraglich. An dem Septemberwochenende erreichte das Thermometer über 30 Grad und es schien so, als würde sich der Sommer ein letztes Mal aufbäumen, bevor der Herbst Einzug hält.
Nun ist Winter, das Publikum am ersten Abend der 2025er Konzerttour ist durchmischt, auch wenn die meisten älter geworden sind. Nicht verwunderlich, immerhin sind wir mit Curse zusammen erwachsen geworden. Die Hoodies mit den flashigen Farben sind getauscht gegen gedeckte Töne und Flanell - liegt vielleicht aber auch an der Jahreszeit.
Als Support stehen zuerst Shogoon und Tacho auf der Bühne. Ersterer war vor allem als Produzent auf Curse' Album tätig und bekam 30 Minuten Bühnenzeit, mit denen er machen kann, was er will. Er nutzt sie, um teilweise deepe und persönliche Themen anzusprechen und beendet sein Set mit dem Track ‘Winter war hart’, der erst einen Tag vorher entstanden ist.

Wenig später betritt dann Main Act Curse die Bühne. Ein DJ, ein MC, kein TamTam, kein Backup. Sofort gehen die Arme hoch, wenn der Titeltrack des neuen Albums ‘Stimme’ die Show eröffnet und vermutlich eine kollektive Gänsehaut durch den Raum schickt. Es dauert jedoch keine drei Nummern, bis Curse auf seinen immensen Backkatalog zurückgreift. Bei der Frage “Wer von euch ist wegen HipHop hier?” wissen Kenner sofort Bescheid: Es erklingt der legendäre Opener des Albums ‘Innere Sicherheit', gefolgt von Curse’ Part aus ‘Ich lebe für HipHop’. Der Damm ist gebrochen, alles scheint jetzt möglich. Offenbar überglücklich verkündet er, dass dieser Abend heute die größte Solo-Show seiner Karriere ist, bevor er selbst Worte zu Nostalgie verliert. Mit Titeln wie ‘Rakim’ oder ‘1994’ auf ‘Unzerstörbarer Sommer’ stellt er wieder unter Beweis, dass er professioneller Nostalgiker ist, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass ein plumpes “Früher war alles besser” auch nicht der Wahrheit letzter Schluss ist. Er verliert ein paar Worte zur Schutzwirkung von Nostalgie in unsicheren und beängstigenden Zeiten. Dass er vor über 20 Jahren bereits den dazu passenden Track gemeinsam mit Gentleman aufgenommen hat, ist ihm klar bewusst und es ertönt ‘Widerstand’. Als es heißt “Ich bin gegen jeden einzelnen Faschist der uns verseucht mit seinem Gift” gibt es gesonderten Szenenapplaus.

Doch, liebe Leser und Leserinnen, ich hätte mir nie träumen lassen, was danach passiert. Weggefährten des ersten Tages Italo Reno und Germany sind vom Feature “Zuhause” noch auf der Bühne, als dort mit einem Mal Bierflaschen auftauchen und Curse ankündigt, jetzt einen “Classic-Classic-Track” von seinem ersten Album spielen zu wollen. Bei diesem Lied handelt es sich um ‘Leaving Las Vegas’, nichts geringeres als die Assihymne der Mindener Saufkollegen, bei dem das Publikum aufgefordert wird, lauthals das “Prost” aus dem Refrain mitzugröhlen. Dass Curse aka Michael Kurth, der zur Selbstfindung in Indien war, mittlerweile Vater, systemitscher Coach, Lehrer für tibetisches Heilyoga und Spiegel-Bestseller-Autor ist, nochmal Lines wie “In Benz und Daimler rauch' ich die Blunts durch Eimer” droppt, hatte selbst ich nicht auf meiner Bingo-Karte für 2025. Nach ‘Übderdosis Tee’ wird aus dem Teekästchen geplaudert, eine Wall of Love durchmischt das gesamte Publikum zu ‘Lass uns doch Freunde bleiben’ und beim letzten Song des regulären Programms ‘Avocado Toast’ vergisst der Bühnenveteran vor Rührung und Emotion ob vieler Hundert Handylichter (und einigen vereinzelten Feuerzeugen) kurz der Text.
Aber es gibt noch weitere Highlights, die das Konzert unvergessen machen. Der Titel Rap vom Album ‘Innere Sicherheit’ ist ein Klassiker, bei dem Curse auf höchstem Niveau seine Vielseitigkeit und sein Skillset unter Beweis stellen kann. Doch den eigentlich kurzen Storytelling-Teil in der Mitte des Songs tauschte er kurzerhand aus gegen den kompletten Song ‘Und was ist jetzt?’ aus. Hier trägt er wirklich jedes Gefühl mit einer unmenschlich erscheinenden Inbrunst von innen nach außen und geht in beeindruckender Lichtstimmung bis zum Äußersten. Während an diesem Punkt viele Artists seiner Generation vermutlich einen kurzen Ausflug ins Sauerstoffzelt bräuchten, schiebt er die zwei verbliebenen Strophen des Liedes ‘Rap’, die teilweise in atemlosen Double Time gerappt werden, unbeeindruckt hinterher - und meistert sie mit Bravour.

Insgesamt rappt und erzählt Pferdelunge Curse knapp 3 Stunden fast ohne Unterbrechung. Mehrmals an diesem Abend fallen die Worte “Ich hab 8 Alben gemacht, ich kann die ganze Nacht!”. Ein wenig Arroganz klingt da fast an: Der Typ, der mit 20 der deutschen HipHop Szene die ‘10 Rap Gesetze’ auferlegt hat, der scheint hier und da noch durch. Kaum verwunderlich auch, dass dieses Lied eine von insgesamt 3 Zugaben wird, inklusive einer Freestyle-Cypher mit allen Tourgästen. Insgesamt 7 MCs, die die Bühne bevölkern und Old School HipHop Flair heraufbeschwören, den man allzu oft in der modernen Deutschrap-Szene vermisst. Leider können nicht alle Featuregäste des Albums und der darauffolgenden Aera EP an diesem Abend da sein. Weder Cora E, die Stieber Twins noch Aphroe treten auf die Bühne - ironisch merkt Curse an, dass sie wohl alle etwas besseres zu tun hätten, was ebenso ironisch mit Buhrufen kommentiert wird. Aber Curse wäre nicht Curse, wenn er sich davon aufhalten lassen würde. Souverän kommentiert mit “Ich kann es fast komplett auswendig” übernimmt er kurzerhand alle 4 Gastparts mit u.a. sehr real klingenden Stieber-Imitationen.
Als die Lichter schließlich angehen und ich mir noch schnell die beiden aktuellen Vinyls am Merch-Stand organisiere, fällt nochmal auf, wie kahl und uneinladend diese Halle oben auf dem Bunker in St. Pauli tatsächlich aussieht. So viel Beton, man denkt man wäre im aktuellen Kinofilm ‘The Brutalist’. Umso beeindruckender jedoch, dass es Curse gelang, diese Halle für 3 Stunden mit Leben, Licht und Emotionen zu füllen, so dass es sich anfühlte, als wäre es tatsächlich Sommer im Februar geworden. Wir sehen uns bei Feuerwasser 25, yeahyeahyoar!