LCD Soundsystem und "American Dream": Beim Blick zurück verguckt
04.09.2017 | Jakob Uhlig

Murphy scheint mit seiner Version des angestaubten Synth-Pops nämlich in einer Frühphase steckengeblieben zu sein. Damals, als alle vom Kraftwerk-Sound so begeistert waren und die flirrenden Keyboards nur benutzten, weil sie eben da waren. Yeah, wir klingen elektronisch! Yeah, das macht uns so neu und innovativ! Da braucht es gar kein gutes Songwriting, das verdecken wir einfach mit noch mehr Bling-Bling! Das war vor über 30 Jahren schon eher peinlich, 2017 wirkt das LCD Soundsystem so aber schon grotesk einfallslos.
Denn wo ist die zündende Idee von „American Dream“, die ein Wiederaufleben dieses Sounds rechtfertigen würde? Etwa die völlig ziellos umherkriechenden Noise-Dissonanzen in „Change Yr Mind“? Etwa die 12 Minuten dauernde Progressivität vom Closer „Black Screen“, in der aber nichts Nennenswertes passiert? Oder gar Murphys fragwürdige James-Blake-Performance in „Other Voices“? Falls eines dieser Dinge tatsächlich die geheime Zutat hinter dieser Platte sein soll, man möge mir den Sinn dahinter erklären. Sie bewahren „American Dream“ zwar davor, die bloße Kopie eines bekannten Sounds zu sein, zielführende Aha-Momente kann die Band damit aber nicht auslösen.
So verkommt das erste LCD-Soundsystem-Album seit sieben Jahren zu einem zwar nicht alltäglichen, aber eben auch spannungsarmem Hör-Erlebnis. Atemloser Electro-Drum-Beat in „Tonite“? Kennen wir schon. Überladene Synthie-Sphären wie im Titeltrack? Das auch. Eine große Kitsch-Hymne namens „Oh Baby“? Jetzt komm. Wo ist der dreckige Funk, wo der zappelige Rock’n’Roll, wo die generelle Zielstrebigkeit der Vorgänger-Alben? Liebes LCD Soundsystem: Nur, weil früher alles besser war, heißt das nicht, dass alles von damals heute noch genauso funktioniert.
Wertung
Sieben Jahre haben LCD-Soundsystem auf eine neue Platte gewartet. Das Ergebnis ist zwar die nach so langer Zeit zu erwartende Weiterentwicklung, aber eben keine positive. Frisch wäre "American Dream" nämlich auch als erstes Album der Band nicht gewesen.

Jakob Uhlig
Jakob kommt aus dem hohen Norden und studiert zur Zeit historische Musikwissenschaft. Bei Album der Woche ist er, neben seiner Tätigkeit als Schreiberling, auch für die Qualitätskontrolle zuständig. Musikalisch liebt er alles von Wiener Klassik bis Deathcore, seine musikalische Heimat wird aber immer die Rockmusik in all ihren Facetten bleiben.