Lizzy Farrall und “All I Said Was Never Heard”: Verspielte Melancholie
18.01.2018 | Johannes Kley

Das Singer/Songwriter-Genre floriert und bringt täglich neue Acts an die Öffentlichkeit. Viele gehen im selben Atemzug unter, sei es nun berechtigt oder schade. Großbritannien ist schon lange ein bekanntes Herkunftsland für melancholische Gitarrenmusik und bringt nun Lizzy Farrall in die Welt. Die Debüt-EP „All I Said Was Never Heard“ der Britin bietet zwar nur fünf Songs, enthält dabei aber trotzdem mehr Abwechslung als viele Genrekollegen auf ganzen Alben. Vorsichtige Akustiksongs wie „Hollow Friends“ bieten zerbrechliche Klänge und das richtige Maß an Traurigkeit. Die Indierock-Nummer „Better With“ geht dagegen deutlich mehr nach vorne und erinnert schon fast ein wenig an die poppigen Songs von Paramore. Nuancen dazwischen erinnern an einen Abend im Pub, mit nichts als einem Pint, einer Akustikgitarre, einer Stimme und einem kummerschweren Herz. An manchen Tagen genau das, was man braucht.
Stimmlich zeigt Farrall ein großes Spektrum. Mal klingt sie leicht rotzig wie eine Hayley Williams, mit verzweifelten Noten und Wut im Bauch. Sie schafft es aber auch, schüchtern-fragil wie beispielsweise Maria Mena zu klingen, wo dann auch in den richtigen Momenten die Stimme leicht wegbricht. Lizzy hat ihre Stimme voll im Griff und wirkt in keinem der Lieder verloren oder überfordert und dennoch nie kalt oder zu kontrolliert. Was sie singt, singt sie mit Gefühl.
Textlich ist „All I Said Was Never Heard“ eine sehr emotionale EP, mit Liebe als vorherrschendem Thema. Die Lyrics sind nachvollziehbar geschrieben und meist ziemlich direkt, ohne dabei in Belanglosigkeiten abzudriften. Die Zeilen passen einwandfrei zur Musik, und wenn dann bei „Broken Toy“ die traurige Stimme über der kindlich-verspielten Melodie schwebt, spürt man das Herzblut der Künstlerin. Die EP ist durchdacht und mit Leidenschaft geschrieben, intelligent arrangiert und sauber produziert.
Ob Popmusik nun genial oder schrecklich ist bleibt jedem selbst überlassen, aber Lizzy Farrall hat mit ihrer ersten EP bewiesen was geht, und wie schön es klingen kann. Das Songwriting, die Stimme und die Instrumentalisierung sind eingängig und bleiben im Ohr. Songs, die man auch im Radio spielen kann, nur ohne das direkte Vergessen danach.
Wertung
Popmusik ist nicht unbedingt mein Genre, bietet sie doch oft nicht viel Tiefgang. „All I Said Was Never Heard“ läuft jedoch schon seit Tagen auf Dauerschleife und es stört mich nicht im Geringsten.

Johannes Kley
Kolumnist und Konzertmuffel Joe ist Gesundheits- und Krankenpfleger in Bochum, liebt seinen Hund, liest leidenschaftlich gern, gibt ungern Bewertungen für Alben ab, ist Musikliebhaber, irgendwo zwischen (emotional) Hardcore, Vaporwave, Goth-Pop und Nine Inch Nails und versorgt euch unregelmäßig mit geistigen Ergüssen aus seiner Gedanken- und Gefühlswelt.