Bleakness und „Functionally Extinct“: Ist das noch Avantgarde?
11.12.2019 | Jakob Uhlig

Als Post-Punk nach der großen Punk-Welle der 70er ein neues avantgardistisches Blickfeld für den Zeitgeist der Stunde anbot, war der Begriff dieses Genres kaum auf einen bestimmten Sound herunterzubrechen. Kein Wunder: Der Ansatz des ursprünglichen Post-Punks war es gerade, musikalisch mannigfaltig zu denken. Mittlerweile hat sich aus diesem Begriff allerdings eine halbwegs klare Klangvorstellung herauskristallisiert. „Functionally Extinct“ funktioniert dabei nach dem Lehrbuch-Prinzip: Bleakness setzen auf einen möglichst scheppernden Sound. Ausufernde Soli verirren sich nie in dem stringenten Sound der Band, stattdessen jagen die Instrumentals durch erbarmungslos geradlinige Rhythmen. Bleakness jagen dazwischen aber immer wieder kleine melodische Spielereien, die dem erbarmungslosen Konglomerat aus konsistenter Geradlinigkeit ein Stück Leben einhauchen. Insgesamt halten sich die unerwarteten Momente der Platte allerdings in Grenzen. Das Klavierintro von „The Closing Door“ macht dabei eigentlich schon ganz zu Anfang mit dem unkonventionellsten Akzent den Sack zu.
So fallen Bleakness zwar schlussendlich nicht völlig aus dem Raster, ihrem Sound gelingt es aber gleichzeitig auch nicht, in einem Kanon zahlreicher künstlerisch progressiv denkender Bands zu bestehen. Wer etwa im deutschen Raum die jüngsten Erzeugnisse auf dem Post-Punk-Nährboden Max Rieger verfolgt hat, der weiß, wie Innovation auf altbekanntem Grund funktioniert. Bleakness wiederum sind dafür zu konservativ und beschränken sich auf die Retrospektive einer Bewegung, die sich einst gerade durch ihre Fortschrittlichkeit auszeichnete. Das funktioniert und kann mitreißen, vergisst aber, im betont monotonen Post-Punk-Wirrwarr die entscheidende Prägnanz zu setzen.
Wertung
Als großen Freund des Post-Punk bereiten auch Bleakness mir kurzweiliges Vergnügen. Die Betonung liegt allerdings auf „kurzweilig“ – so tief wie Karies oder Idles greifen die Franzosen nämlich lange nicht.
Wertung
Kompakt und gradlinig. In Zeiten einer Post-Punk-Renaissance braucht es aber auch frische Ideen und eine Ausweitung und Weiterentwicklung des Post-Punk Begriffs, um herauszustechen. Bleakness sollte mehr in die Zukunft, statt in die Vergangenheit schauen. Trotzdem hat es das Album verdient gehört zu werden.

Jakob Uhlig
Jakob kommt aus dem hohen Norden und studiert zur Zeit historische Musikwissenschaft. Bei Album der Woche ist er, neben seiner Tätigkeit als Schreiberling, auch für die Qualitätskontrolle zuständig. Musikalisch liebt er alles von Wiener Klassik bis Deathcore, seine musikalische Heimat wird aber immer die Rockmusik in all ihren Facetten bleiben.