Horsegirl und "Phonetics On and On": Regen am Valentinstag
24.02.2025 | Dave Mante

Horsegirl sind sicher in den weiten Ebenen der Musikwelt nicht jedem ein Begriff, hört man sich allerdings in der sehr kundigen Welt der Shoegaze- und Emo-Fans um, so liest man schnell, dass sie lange kein Geheimtipp mehr sind. Nach ihrem Debüt „Versions of Modern Performance“ vor drei Jahren präsentierten sie mit „Phonetics On and On“ erneut eine breite Platte an gedämpft-melancholischer Rockmusik.
Bereits „Where‘d You Go?“ versetzt die Hörer:innen in eine passende Stimmung für die fast 40-minütige Reise. Temporeiches, beruhigtes Instrumental mit einigen Ausbrüchen gegen Ende treffen auf leise und stimmige Vocals. Horsegirl schaffen ebenfalls das, was sehr viele (Midwest-)Emo Bands machen: einen Tonus vom ersten Song ansetzen und diesen dann bis zum Ende durchziehen, ohne langweilig zu werden. Währenddessen flüchtet man immer mal in die lautere Richtung oder wie bei „In Twos“ in die sehr zurückgefahrene Richtung. Dieser Song lässt sich wohl am besten mit der folgenden Szene eines jeden Coming of Age Filmes beschreiben. Hauptfigur A sitzt im Bus nach der Schule, es regnet draußen und sie denkt an Hauptfigur B, währenddessen läuft dieser Song. Er ist wie eine Fahrt durch verregnete Herbststraßen. Und dann sind da Songs wie „Well I Know You‘re Shy“. Der ist schon fast happy und das Thema der Schüchternheit und wie schwer die Überwindung dieser ist, ist auch erstmal nicht überaus negativ konnotiert. Dabei stechen vor allem die Stimmen heraus. Sowohl Penelope Lowenstein als auch Nora Cheng schaffen es zu jeder Zeit, mit jedem Ton großartig zu harmonieren. Bei „Frontrunner“ kommt dann sogar etwas Western-Feeling hoch. Die regnerische Szenerie wechselt zu einem lauen Sommerabend auf dem Fahrrad, die Straßenlaternen gehen langsam an und es riecht nach feuchtem Gras und verbranntem Barbeque. „I Can‘t Stand To See You“ bildet hier einen ebenso beeindruckten Closer. Sehr viel und lauter Bass trifft auf einen recht schnellen und ruhigen Gesang. Das ist schön und schließt den Kreis zu „Where‘d You Go?“ ziemlich gut, zumindest musikalisch.
Texte über diese Art der Musik zu schreiben ist durchaus schwierig, wenn man sie nicht nur an Leute verfasst, die diese auch regelmäßig hören. Generell klingt hier viel gleich und oft entfalten die Alben erst nach 4-5 Durchläufen ihre wahre Qualität. Auch "Phonetics On an On" ist nicht unbedingt das Album für jede:n, der/die ohne Vorwissen in diese Musik einsteigen will. Trotzdem lässt sich sagen, dass jede:r, die/der auf etwas leisere und trotzdem teilweise temporeiche oder dynamische Musik mit viel Emotion und Melancholie steht, hier ein kleines Stück Oase finden wird.
Wertung
Horsegirls „Phonetics On and On“ ist ein würdiger Nachfolger ihres Debüts und schafft es erneut, mit einer festen Umarmung der melancholischen Musik zu überzeugen. Sowohl die ruhigen, als auch die ausbrechenden Momente sind markant und bleiben im Kopf und dann ist das alles noch so unfassbar catchy. Ein Geheimtipp für alle, die noch nicht so lange in dem Genre unterwegs sind und der Rest? Der hat die Platte eh schon gehört!

Dave Mante
Aufgewachsen zwischen Rosenstolz und den Beatles hört sich Dave mittlerweile durch die halbe Musikwelt, egal ob brettharter Hardcore, rotziger Deutschpunk, emotionaler Indie oder ungewöhnlicher Hip Hop, irgendwas findet sich immer in seinen Playlisten. Nebenbei studiert er Kunstgeschichte, schlägt sich die Nächte als Barkeeper um die Ohren oder verflucht Lightroom, wenn er das gerade fotografierte Konzert aufarbeitet.