Alessandro Cortini und „Avanti“ - musikgewordene Erinnerungen
02.10.2017 | Johannes Kley

Nachdem sein Großvater vor einigen Jahren gestorben war, fand Cortini dessen Sammlung von Super-8-Aufnahmen aus seiner Jugend und alten Tonbändern mit Tischgesprächen der Familie. Den bewegten Bildern seiner Vergangenheit fehlte nur eines: Ton. Mit einem einzigen Synthesizer, dem EMS-Synthie AKS, schuf Cortini sieben Tracks voll von Melancholie und Sehnsucht. Anders als das, was die meisten sich momentan unter Synthie-Musik vorstellen, gibt es hier aber keinen RetroWave zu hören.
Die Musik hat keinen Beat und ist eher etwas für ruhige Momente auf der Couch oder vor dem Rechner, als für einen geselligen Abend oder Clubs. Die Mischung aus gespielten Tonfolgen, unterschwelligem Bass und Drone-Sounds mag etwas Retro-like klingen und könnte fast bei „Stranger Things“ laufen, ohne dabei aber zum 80er Kitsch zu verkommen. „Avanti“ ist nostalgisch, aber nicht überholt oder altbacken. Die Gratwanderung zwischen Vergangenheit und Moderne ist hier definitiv gelungen. Warm und knarzend kommen die Töne aus den Boxen und hüllen den Hörer, ohne die Bilder zu kennen, in Nostalgie. Unbewusst und ungewollt rutscht man auch in die eigene Vergangenheit. „There’s this melancholia that comes with memories of bygone days, whether they were great or not, they’re gone and you can’t go back to them”, so Cortini. “That’s why I named the record ‚Avanti‘, it means ‘forward’ in Italian and that’s the only direction you can go.”
Die Musik kommt ohne Gesang aus und funktioniert dennoch, oder gerade deshalb, so unglaublich gut. Kleinere Artefakte und Fehler, welche bei den Aufnahmen entstanden sind, wurden bewusst drin gelassen, um den Liedern ein lebendigeres Gefühl zu geben. Sie sind unperfekt wie die Aufnahmen, zu welchen sie entstanden sind. Immer wieder gibt es Ausschnitte aus den Tischgesprächen. Wer kein italienisch versteht, kann hier nur erahnen, was gesagt wird. Doch auch ohne es zu verstehen tragen diese Tonfetzen immens zur Atmosphäre bei.
Das Album fühlt sich sehr lebendig an. Mit den Gesprächen, den kleinen Fehlern und dem warmen Klang des Synthesizers weckt es ein Gefühl der Sehnsucht. Hypnotisch und bewegend schafft diese Platte etwas, was viele Bands krampfhaft versuchen und dennoch scheitern. Es weckt Gefühle. Mit einem einzigen Instrument nimmt Cortini den Hörer mit in seine Vergangenheit und schafft damit ein Album, das auch ohne Gesang und Beat nicht zum Hintergrundgedudel verkommt.
Wer also ein offenes Ohr für melancholische Melodien und gefühlvolle Synthie-Musik hat und bspw. die Werke von Angelo Badalamenti („Twin Peaks“, „Blue Velvet“) mag, sollte hier definitiv reinhören. Allen anderen sei ans Herz gelegt, hier auch mal ein Ohr zu riskieren. Es lohnt sich.
Wertung
Ein Album wie „Zurück in die Zukunft“. Eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit und unglaublich schön.

Johannes Kley
Kolumnist und Konzertmuffel Joe ist Gesundheits- und Krankenpfleger in Bochum, liebt seinen Hund, liest leidenschaftlich gern, gibt ungern Bewertungen für Alben ab, ist Musikliebhaber, irgendwo zwischen (emotional) Hardcore, Vaporwave, Goth-Pop und Nine Inch Nails und versorgt euch unregelmäßig mit geistigen Ergüssen aus seiner Gedanken- und Gefühlswelt.