Keele und „Kalte Wände“: Aus vollen Keelen in kalten Wänden schreien
21.08.2019 | Jan-Severin Irsch

Angefangen mit dem gleichnamigen Song „Kalte Wände“ setzt die Band direkt durch gutkomponierte Dynamik, schöne Melodien und Hooks und den Überraschungsmoment ein Pfund rein. Man denkt, der Song sei vorbei, aber halt, da kommt noch mehr. Textfetzen wie „Lügen haben laute Augen“ - und nicht kurze Beine – bleiben auf jeden Fall hängen und regen dazu an, den Song gleich mehrmals zu hören, um den Text in Gänze zu verstehen und zu interpretieren.
Beim Song „Einer von den Großen“ gibt es neben schöner Triolenaction am Ende auch einen tiefgehenden Text über das Leid der Träume: „Er wollte einer von den Großen sein, doch keiner hat ihn ernst genommen“. Worte, die bei jedem Hörer und jeder Hörerin einen Nerv treffen, da jeder in seinem Leben mal enttäuscht wurde. Keele jedoch sprechen es aus und haben obendrein noch schöne Musik dazu komponiert.
Der Song „Panem“ ist einer der stärksten, wenn nicht der stärkste Song des Albums. Ausdrucksstarker Sprechgesang in den Strophen und einprägsamer Gesang im Refrain. Der Songtext mit „während er zu Hause sitzt und sich den Frust in die Arme ritzt“ ist schwer verdaulich. Doch muss man auch hier die Musikalität loben. Darauffolgend kommt eine Breitseite an Emotionen, ausgedrückt durch treibendes Schlagzeug und steigernde Gitarren. Man möchte mitschreien und alles aus sich raus lassen. Und immer mehr und mehr haben, bis das Fade-out kommt.
Live sind die meisten Bands besser als über Kopfhörer, dies gilt auch für die Band Keele. Auch wenn sie es verdient haben, auf großen Festivalbühnen zu spielen, ist Sonnenschein doch eher fehl am Platz. Der Abriss in einem größeren Club stellt das Quintett wohl am besten dar, so sollte man sie auf ihrer baldigen Tour auf keinen Fall verpassen.
Wertung
Die Musik von Keele ist zum Teil sehr ehrlich. Fast schon brutal ehrlich und daher vielleicht für manche Hörer nicht die leichteste Kost. Fröhlichkeit ist auf diesem Album nicht zu finden, verständlich also, dass das Album bei manchen nicht direkt den Weg in die eigene Plattensammlung findet. Jedoch muss man der Band Respekt zollen und Lob aussprechen, da sie musikalisch, kompositorisch und textlich hervorragend ist und es sich auf jeden Fall lohnt, die Platte zu hören. Auch mehrmals. Und am Ende brüllt man dann doch aus vollem Halse mit.

Jan-Severin Irsch
Jan-Severin macht seit er denken kann Musik. Durch verschiedene Chöre, Bands und Lehrer ist er mittlerweile Lehramtsstudent für Musik mit Hauptfach Gesang, ist Sänger seiner eigenen Alternative/Punkrock-Band und Teil eines Barbershop-Chores in Köln. Von Klassik bis Jazz, von Chor- bis Punkrockmusik hört und spielt er alles gern. Ohne Musik geht nicht.