Deafheaven und "Lonely People With Power": Gatekeeper hassen diesen Trick
27.03.2025 | Colin Vogt

Ich erinnere mich gerne an einen kalten Winterabend zurück, als gerade eine Recording Session im Studio endete und mein üblicher Rant über Black Metal von meinem liebsten Freund Jens unterbrochen wurde. Er zeigte auf ein pink-orangenes Cover mit der Aufschrift „Sunbather“. Für mich fehlte darauf nur noch ein Dreieck und es wäre das perfekte 2010er Indietronica-Pop-Cover à la The Naked and Famous geworden. „Das ist Black Metal, nur anders halt!“ – auf der Heimfahrt gab ich der Platte eine Chance und war zunächst verwirrt. Ausproduzierter Black Metal, der nicht klingt als hätte man die Vocals durch ein McDonalds Drive-In Headset gejagt? Mein Ohr war bisher nur die Ausgeburten der ersten und zweiten Black Metal Welle gewöhnt, folglich klang mir das alles erst mal irgendwie zu sauber und fröhlich.
In den nächsten Tagen hatte mich die Platte komplett im Chokehold, ich hörte nichts anderes. Musikalisch war das zwar irgendwie was komplett anderes, als ich es von Black Metal gewohnt war, dennoch fesselte mich der Sound extrem. Im ersten Moment treibst du in einem Turnover-Like Shoegaze Bächlein in den Song und im nächsten Moment ballern dir die Gitarren und Screams alles um die Ohren, was nicht niet- und nagelfest ist. Dieses Soundbild war extrem erfrischend und das sahen die Kritiken ähnlich. „Sunbather“ bekam zu seiner Zeit unfassbar gute Meta-Bewertungen.
Nur die OG Black Metalheads konnten dem Ganzen nichts abgewinnen. Die „Hipster-Metal“ und „Poser“-Vorwürfe kamen schneller auf, als man „Darkthrone“ sagen konnte. Sobald sich eine Band den Stilmitteln des Genres bediente und auch nur einen Hauch daran ins Progressive veränderte, konnte man seit jeher die Uhr danach stellen, wann die ersten „Poser“-Schreie aufhallen. Aber Deafheaven wollten gar kein Black Metal sein. Sie konnten mit der Romantik vom Sterben und der Lore vom Antichristen eigentlich gar nichts anfangen. Vielmehr bedienten sie sich einfach nur einiger düsterer Komponenten (Blastbeats, Tremolo-Picking, harte Screams) und breiteten diese auf dem reverb-melancholie Teppich des Shoegaze aus. Der Blackgaze war geboren.
Den Black-Metal-Peak erreichte Deafheaven 2015 mit der zweiten Platte „New Bermuda“. Aber auch in die geschmeidigere Richtung waren keine Grenzen gesetzt: „Infinite Granite“ aus 2021 ist ein lupenreines Shoegaze Album und kommt komplett ohne Screams und Blastbeats aus. Mit dem sechsten Studioalbum steht nun wieder eine innige Fusion beider Genres vor der Tür. Umso gespannter sind die Fans auf den ersten musikalischen Output seit dem Signing bei Roadrunner. Tun sie es Bands wie Turnstile gleich, welche nach der Unterschrift beim Major Label explosionsartig Richtung Orbit schossen oder limitieren die Erwartungen den Sound ganz und gar? Let’s see.
Das Album steigt mit dem ersten Part des Interlude-Dreiteilers „Incidental I“ ein. 56 Sekunden reverse Samples breiten einen halligen Teppich aus und gehen nahtlos in eine Wall of Sound über, die sich „Doberman“ nennt. Unweigerlich wird sofort klar: hier wird es wieder deutlich rauer als bei der Vorgängerplatte. Kerry McCoy hebt den klassischen Deafheaven-Sound direkt in den ersten 4 Minuten mit extrem harten Tremollo-Riffs hervor, während Daniel Tracy das Doublebass Pedal komplett ins Nirvana demmelt. Einen Augenblick später mündet der Song in eine kurze verträumte Bridge, die wieder das Tempo rausnimmt. Genau das können sie so gut, genau das ist die „Sunbather“-Soße.
Die erste Single „Magnolia“ reiht sich direkt im Anschluss mit schnell-gemuteten Riffs in eine ähnliche Schlagzahl an Härte ein. Die ersten zehn Minuten des Albums dürften alle „Infinite Granite“-Kritiker unverzüglich stumm schalten, denn soft wird es hier scheinbar nicht. Das erste Mal durchatmen ist mit „The Garden Route“ gestattet. Hier werden die Drums wieder etwas sanfter, die Gitarren gaziger und Clarkes Screams hallen wie ein warmer Synthie über die Instrumentals. Eine perfekte Brücke in die zweite Singleauskopplung des Albums.
Dass „Heathen“ als Single ausgewählt wurde, macht außerordentlich Sinn. George Clarke startet zum ersten Mal mit cleanen Vocals in den Song - hier könnte man sich kurz fragen, ob der Shuffle-Knopf noch an war und man in einem Beach Fossils Album gelandet ist. Aber genau diese Momente zum Durchatmen sind so wichtig für progressiven Black Metal auf Albumlänge. Höre ich beispielsweise ein Mayhem Album nebenbei, weiß ich regelmäßig nicht mehr welcher Song gerade läuft, da das relativ monotone Songwriting und die matschige Produktion gerne mal alles zu einer homogenen Shredd-Masse morphen lassen. Das ist bei Deafheaven insofern gar nicht möglich, da Songs wie „Heathen“ den Hörer komplett herausreißen und dann im Chorus trotzdem wieder mit der gewollten Härte treffen. „Heathen“ ist produktionstechnisch wahrscheinlich das Highlight des Albums. Die glasklaren Vocals im Verse, die gnarly aber trotzdem scharf zu verortenden Screams im Chorus, die Delay-Gitarrenläufe, welche in eine extrem mitreißende Leadline im Refrain übergehen. Bei aller Härte kommt auf "Heathen" jedes Instrument so individuell zur Geltung, wie man es selten in härteren Metal-Produktionen wahrnehmen darf.
Aber danach ist noch nicht Schluss. Nach „Heathen“ folgt ein Spielfilm, der sich über 8 Minuten und 14 Sekunden streckt – „Amethyst“ ist damit der längste Track des Albums. Also sprechen wir doch noch kurz über die Songlängen. Alle 3 Vorgängeralben hatten eine durchschnittliche Songlänge von eben genau diesen 8 Minuten, wobei „Lonely People With Power“ im Durchschnitt gerade mal so an den 5 Minuten kratzt. Aber das muss ja gar nicht schlimm sein, das zeigt „Amethyst“ auch sehr deutlich. Ganz klar schafft ein 4 Minuten Build-Up eine immense Immersion in die Atmosphäre des Tracks, ich bin persönlich aber auch nicht böse, wenn das auf Albumlänge die Ausnahme bleibt.
Zwei Interludes fehlen nun noch. Auf „Incidental II“ hören wir Jae Matthews von Boy Harsher wie sie uns über leise Akkustik-Chords ein emotionales Interlude säuselt, bevor das ganze nach ca. 3 Minuten in einem Distortion-Schrei-Massaker endet und die zweite Albumhälfte einleitet. Und wie diese eingeleitet wird. „Revelator“ ist mit Sicherheit der härteste Song des Albums und vermutlich einer der härtesten der gesamten Deafheaven-Diskografie. Alleine, dass mich die ersten 30 Sekunden unmittelbar an meinen letztjährigen Konzertbesuch bei der Gruppe Watain erinnert haben, sagt viel über die Härte des Songs aus.
Auf „Incidental III“ lässt sich Interpol Sänger Paul Banks blicken. Er spricht eine Spoken Word Sequenz in Form eines Gedichtes, was inhaltlich vermutlich auf den Folgesong vorbereiten soll. „Winona“ könnte auch als heimliches Outro des Albums fungieren. Der Song klingt wie ein finales Feuerwerk, welches sich über 7 Minuten ausbreitet und die Hörenden dann langsam in einem Bach wegtreiben lässt. Auch wäre es das perfekte Ende gewesen, da sich „Winona“ wie ein Throwback zu „Sunbather“ im bestmöglichen Weg anfühlt. Das tatsächliche Outro „The Marvelous Orange Tree“ hingegen fühlt sich eher an, wie eine angehangene Zugabe, die es vermutlich gar nicht gebraucht hätte, da der Song in Sachen Energie und der ausfadenden Atmosphäre einfach nicht an seinen Vorgänger herankommt.
Wertung
Deafheaven untermauern mit dieser stückweiten Rückkehr zu ihren Wurzeln erneut, dass Black Metal auch ohne den 300. Song über Wälder und brennende Kirchen funktionieren darf und sogar auch soll. Die Ambivalenz zwischen Shoegaze und schwarzem Metal bekommen die Jungs aus San Francisco erneut so progressiv und meisterlich produziert auf Albumlänge hin, dass man sich nur auf eine Zukunft unter der Feder des neuen Major Labels freuen kann.

Colin Vogt
Wenn der Fokus gerade nicht auf seiner Gitarre liegt, dann zumindest im konsumieren von Punk, Emo, Metal und allem, was die Palette sonst so hergibt - am liebsten live aus dem Pit. Colin lebt in Leipzig und ist freiberuflicher Texter. Zu seinen Lieblingskunden zählt vor Allem das Wacken Festival, für das er das ganze Jahr über arbeitet.